{"id":2188,"date":"2023-02-16T14:37:27","date_gmt":"2023-02-16T14:37:27","guid":{"rendered":"https:\/\/targetplatform.net\/de\/?p=2188"},"modified":"2023-02-16T14:40:33","modified_gmt":"2023-02-16T14:40:33","slug":"wie-kurden-und-andere-minderheiten-bei-der-erdbebenhilfe-diskriminiert-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/targetplatform.net\/de\/?p=2188","title":{"rendered":"Wie Kurden und andere Minderheiten bei der Erdbebenhilfe diskriminiert werden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile sind Tage nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar in der t\u00fcrkisch-syrischen Grenzregion vergangen. Unter den Tr\u00fcmmern werden haupts\u00e4chlich noch Leichen geborgen. Knapp 40.000 Tote hat das Erdbeben bislang auf beiden Seiten der Grenze gefordert und es werden weitere Tausende folgen. Die Konzentration gilt nun der Versorgung der \u00dcberlebenden, die zu Millionen obdachlos geworden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangelnde staatliche F\u00fcrsorge und Rettung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder h\u00f6rte man Menschen, die \u00fcber mangelnde staatliche oder beh\u00f6rdliche Hilfe klagten. Viele \u00dcberlebende berichteten, wie sie in den ersten 48 Stunden noch \u00fcberall Stimmen unter den Tr\u00fcmmern wahrgenommen hatten, doch diese mit der Zeit immer mehr verstummten. Es gibt unz\u00e4hlige Videos, wie Menschen davon berichten, wie sie selbst mit den knappen Mitteln, die zur Verf\u00fcgung standen, Menschen lebend oder tot bergen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Epizentrum Pazarcik: Warum kam kaum Hilfe an?<\/strong><\/p>\n<p>Einige dieser Videos kommen aus Pazarcik, dem Epizentrum des Erdbebens. Pazarcik hatte bis kurz vor dem Erdbeben knapp 70.000 Einwohner und ist traditionell ein mehrheitlich aus Kurden und Aleviten bestehender Landkreis der Provinz Kahramanmaras. Nach dem Pogrom von Maras 1978, bei dem hunderte haupts\u00e4chlich kurdische Aleviten von t\u00fcrkisch-sunnitischen Fundamentalisten ermordet wurden, \u00e4nderte sich auch in Pazarcik die Demographie allm\u00e4hlich. Dennoch besteht Pazarcik heute noch zu einem bedeutenden Teil aus kurdischen Aleviten, kurdischen Sunniten oder t\u00fcrkischen Aleviten.<br \/>\nObwohl Pazarcik das Epizentrum des Erdbebens gewesen ist, erreichte die Region nur sp\u00e4rlich Hilfe. Vielmehr kamen Vertreter der Regierungspartei AKP, inklusive des t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten Erdogan hierher, sprachen vor den Kameras und zogen wieder ab. In der ersten Nacht nach dem Erdbeben kam Muharrem \u0130nce, der ehemalige Pr\u00e4sidentschaftskandidat der gr\u00f6\u00dften Oppositionspartei CHP in die Stadt und wurde selbst vor laufender Kamera Zeuge davon, dass hier kaum staatliche Unterst\u00fctzung vor Ort war und die Bergungsarbeiten kaum stattfanden. Eine \u00e4ltere Frau aus der Region, die von den Nachrichtensendern Rudaw und VoA gefilmt wurde, klagte auf kurdisch, dass das alles nur passieren w\u00fcrde, weil sie und Pazarcik kurdisch seien. Sie sagte: &#8220;Es gibt weder einen Staat noch ein Team noch irgendwas hier. Wir wurden als Kurden erschaffen, was sollen wir tun? Warum macht ihr diesen Unterschied?&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8220;Die Region ist sich selbst \u00fcberlassen&#8221;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ersten Tagen des Erdbebens halfen sich die Menschen in der Winterk\u00e4lte zumeist selbst und als einzige offizielle Hilfe war die ebenfalls kurdisch-alevitische Stadt Dersim vor Ort. In den D\u00f6rfern von Pazarcik war die Situation schlimmer. Viele D\u00f6rfer wurden stark getroffen und hier kam tagelang kaum Hilfe an. Allm\u00e4hlich und auf Druck von Au\u00dfen schaffte es der t\u00fcrkisch-staatliche Katastrophenschutz AFAD Zelte f\u00fcr Pazarcik und die D\u00f6rfer bereitzustellen. F\u00fcr die Versorgung waren die Menschen wieder haupts\u00e4chlich auf freiwillige Helfer und Selbsthilfe angewiesen. Alleine aus Deutschland reisten mehrere Menschen aus dem Gebiet in die Region, um selbst zu helfen und berichteten, dass die Region gr\u00f6\u00dftenteils sich selbst \u00fcberlassen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andere Orte, \u00e4hnliche Situation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In anderen Gebieten der S\u00fcdostt\u00fcrkei mit \u00e4hnlicher Demographie war die Situation \u00e4hnlich. In Elbistan, einem weiteren Landkreis von Kahramanmaras mit starker kurdisch-alevitischer Bev\u00f6lkerung, in Dogansehir bei Malatya mit \u00e4hnlicher Bev\u00f6lkerungsstruktur und weiteren Ortschaften war es \u00e4hnlich wie in Pazarcik.<br \/>\nIn Hatay an der Grenze zu Syrien war die Zerst\u00f6rung besonders gro\u00df und dennoch erreichte die Hilfe diese Region auch viel zu sp\u00e4t und nur zu sp\u00e4rlich. Hatay und das nahezu komplett zerst\u00f6rte Antakya haben eine bedeutende einheimische arabisch-alevitische Bev\u00f6lkerung. Ohne die Hilfe, Kampagnen und Rettungsteams der Menschen vor Ort und von au\u00dferhalb w\u00e4re die Situation hier vermutlich schlimmer.<br \/>\nIn Adiyaman, das haupts\u00e4chlich von Kurden bewohnt wird und gro\u00dffl\u00e4chig zerst\u00f6rt wurde, war kaum staatliche Hilfe existent, wie auch von einem Kamerateam des ARD&#8217;s festgehalten wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>T\u00fcrkischer Staat lobt eigenes Krisenmanagement und bestraft legitime Kritik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch in den gr\u00f6\u00dftenteils gleichgeschalteten t\u00fcrkischen Medien war von alldem wenig zu sehen, stattdessen wurde das Krisenmanagement des t\u00fcrkischen Staates mit Pr\u00e4sident Erdogan an der Spitze des Katastrophenschutzes gelobt. Es war bemerkenswert zu sehen, wie die Rettungsteams und die Hilfe vor allem in den Gro\u00dfst\u00e4dten Kahramanmaras, Gaziantep oder Malatya zu sehen waren, wo die t\u00fcrkische Regierungspartei AKP traditionell ihre Hochburgen hat. Als Stimmen der Kritik immer lauter wurden, stellte sich der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Erdogan am zweiten Tag des Erdbebens mit wutentbranntem Gesicht vor die Kameras und drohte den &#8216;Provokateuren&#8217;, woraufhin es zu Festnahmen von Kritikern kam. Der Zugang zu Twitter, wodurch viele Versch\u00fcttete kommunizierten, wurde blockiert. W\u00e4hrend die Trag\u00f6die in der T\u00fcrkei noch keinen Tag alt war, bombardierte die t\u00fcrkische Armee Gebiete in Nordsyrien und t\u00f6tete vor kurzem noch durch einen Drohnenangriff einen Zivilisten in Kobane.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lynchjustiz gegen\u00fcber Syrern und Kurden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem ganzen Wirrwarr des Erdbebens vermehrten sich zwischenzeitlich die Meldungen \u00fcber pl\u00fcndernde Banden in den Erdbebengebieten. Schnell wurden die Schuldigen ausgemacht. In den sozialen Netzwerken, aber auch von Politikern, wurde verbreitet, dass Syrer haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Pl\u00fcnderungen verantwortlich seien. Schnell wurde aus den Meldungen ernst und es kam zu etlichen F\u00e4llen von Lynchjustiz, die von den t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften geduldet und zum Teil selbst verantwortet wurden. In Adiyaman wurden f\u00fcnf eingetragene Helfer aus der haupts\u00e4chlich von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir von Polizisten als Pl\u00fcnderer mitgenommen, gefoltert und anschlie\u00dfend nackt au\u00dferhalb der Stadt ausgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vergessene Opfer des Erdbebens: Syrische Fl\u00fcchtlinge<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei sind syrische Fl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei eine vergessene Opfergruppe des Erdbebens. Die Erdbebenregion in der T\u00fcrkei beherbergte Hunderttausende syrische Fl\u00fcchtlinge, vor allem in den Provinzen Hatay, Gaziantep und Kilis. \u00dcber das Schicksal der Syrer im Land wurde kaum berichtet. Es ist davon auszugehen, dass sie mindestens genauso schlimm betroffen sind, zumal viele in Armenvierteln mit einfachen Behausungen gelebt haben. Stattdessen wurden \u00fcber Falschmeldungen wieder mal die Syrer als Schuldige festgemacht und damit die ohnehin schon existente feindliche Stimmung gesteigert. Ein obdachlos gewordener Syrer aus Hatay berichtete vor einer Kamera, dass er sich sch\u00e4me geklaut zu haben, aber es sein musste, weil sie von der Hilfe ausgelassen worden seien und er eine kleine Kinder zu ern\u00e4hren habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Syrien herrscht das Chaos<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend trotz aller Probleme und des Fehlens des staatlichen Krisenmanagements in einigen Regionen, die Hilfe in der T\u00fcrkei auf Umwegen ankommen kann, ist die Situation in Syrien viel drastischer. Tagelang erhielt die vom Erdbeben in Mitleidenschaft gezogene Region Nordwestsyriens keine Hilfe. Entsprechend dramatisch liefen die Rettungsaktionen. In Syrien fehlte es im Gegensatz zur T\u00fcrkei an allem M\u00f6glichen. Geschlossene Grenzen wurden dabei als Hauptgrund aufgef\u00fchrt, wobei es theoretisch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, die Hilfe auch durch die von der T\u00fcrkei kontrollierten Grenzen auf beiden Seiten des Landes zu schicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Afrin: Systematische Diskriminierung von Kurden<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskriminierung bei der Erdbebenhilfe wird in Nordwestsyrien sehr deutlich. Die Region Afrin wurde vom Erdbeben zusammen mit einigen Ortschaften Idlibs und der Stadt Aleppo am st\u00e4rksten vom Erdbeben getroffen. In Afrin herrschen seit der t\u00fcrkischen Milit\u00e4roffensive &#8220;Operation Olivenzweig&#8221; im Jahr 2018 und der anschlie\u00dfenden Besatzung der Region, syrische Oppositionsgruppen, die unter t\u00fcrkischer F\u00fchrung in der Syrischen Nationalen Armee (SNA) zusammengeschlossen wurden sowie der syrische Ableger der al-Qaida, die Terrororganisation Hay&#8217;at Tahrir ash-Sham (HTS). Afrin ist eine im Ursprung kurdische Region. Nach dem Einmarsch wurden \u00fcber 300.000 Kurden aus der Region vertrieben, die jetzt zum Gro\u00dfteil in der benachbarten al-Shahba-Region um die Stadt Tall Rifaat leben m\u00fcssen. In Afrin zogen hingegen die Familien der zumeist arabischen Oppositionsgruppen sowie ortsfremde Araber vor allem aus Idlib ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jindires: Keine Hilfsg\u00fcter f\u00fcr Kurden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Jindires bei Afrin ist die Lage sehr dramatisch. Jindires wurde zum Gro\u00dfteil durch das Erdbeben zerst\u00f6rt oder stark besch\u00e4digt. Hier soll es \u00fcber 700 Tote und 3000 Verletzte geben. \u00dcber 500 der Toten sollen die in Jindires \u00fcbrig gebliebenen Kurden sein. Nun, da die Hilfe allm\u00e4hlich Jindires erreicht, wird die Dimension der Verteilung der G\u00fcter ersichtlich. Augenzeugen und andere Quellen aus der Region berichten, wie bewaffnete Oppositionsfraktionen die ankommenden Hilfsg\u00fcter beschlagnahmen und unter den eigenen Einheiten und Familien verteilen w\u00fcrden. Ein Araber aus der Region gab vor der Kamera zu, dass die Kurden aus der Region nichts erhalten w\u00fcrden. Mittlerweile ist in Jindires das Chaos ausgebrochen, es gibt Berichte und Videos \u00fcber Gefechte wegen den Hilfsg\u00fctern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Staatliche Diskriminierung in Aleppo und al-Shahba<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An anderer Seite, in den vom syrischen Regime kontrollierten Gebieten, gibt es ein \u00e4hnliches Bild. Obwohl Aleppo vom Erdbeben sehr stark betroffen wurde, blockieren Truppen des syrischen Regimes seit Monaten schon die Viertel al-Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafiyya, die haupts\u00e4chlich von Kurden bewohnt werden. \u00c4hnlich sieht es in der haupts\u00e4chlich von Kurden bewohnten Region al-Shahba aus, die neben einer Blockade durch das syrische Regime auch unter st\u00e4ndigen Angriffen aus der T\u00fcrkei zu leiden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sogar Hilfskonvois werden politisiert<\/strong><\/p>\n<p>Selbst Hilfskonvois aus der selbst notleidenden Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien durften tagelang nicht in die Erdbebengebiete gelangen, weil die politischen Machthaber in Nordwestsyrien die humanit\u00e4re Nothilfe sogar politisierten. 80% der Hilfe verlangten Vertreter des syrischen Regimes f\u00fcr sich, damit die Hilfe \u00fcberhaupt in Aleppo ankommen kann. In den von der T\u00fcrkei besetzten Gebieten Syriens durften die Hilfskonvois tagelang trotz des Wunsches der lokalen Bev\u00f6lkerung und einiger Vertreter der sogenannten &#8220;\u00dcbergangsregierung&#8221; nicht in die Erdbebengebiete gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Humanit\u00e4re Hilfe kennt keinen Unterschied<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die internationale Gemeinschaft Syrien bei der Erdbebenhilfe ausgelassen hatte und UN-Vertreter k\u00fcrzlich Vers\u00e4umnisse eingestehen mussten, werden bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen in der T\u00fcrkei und auch in Syrien bei der Erdbebenhilfe diskriminiert. Dabei ist das Leid der Menschen ohne Unterschied der Ethnie oder Religion gleich. Humanit\u00e4re Nothilfe darf nicht auf Kosten einer anderen Gruppe geschehen. Bedran Ciya Kurd, Ko-Vorsitzender des B\u00fcros f\u00fcr Au\u00dfenbeziehungen der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, betonte aus diesem Grund, dass mit den Hilfskonvois allen Betroffenen &#8220;ohne Diskriminierung&#8221; geholfen werden soll. Ob es so sein wird, scheint derzeit fraglich, da sich die Berichte mehren, wonach SNA-Gruppen und regimetreue Gruppen die Hilfen beschlagnahmen und entwenden w\u00fcrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile sind Tage nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar in der t\u00fcrkisch-syrischen Grenzregion vergangen. Unter den Tr\u00fcmmern werden haupts\u00e4chlich noch Leichen geborgen. Knapp 40.000 Tote hat das Erdbeben bislang auf beiden Seiten der Grenze gefordert und es werden weitere Tausende folgen. 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